Roland Ryû Hutter

Zum Inhalt der gegenwärtigen Forschungstätigkeit am National Museum of Japanese History

Dank einem Stipendium der Japan Foundation erhielt ich die Möglichkeit, während 12 Monaten einen Forschungsaufenthalt am National Museum of Japanese History zu machen und mich auf mein Dissertationsprojekt zu konzentrieren. Da es in meinem Forschungsprojekt um japanische Lackwaren und die Entwicklung der Lackwaren von Wajima geht, war es für mich enorm erfreulich, dass ich jenes Stipendium erhielt. Dies liegt vor allem daran, dass in der Schweiz nur eine beschränkte Anzahl an Quellen und Fachleuten zur Verfügung stehen, mit denen eine ausreichende sowie tiefer gehende Forschung kaum möglich ist und die Nähe zu Japan daher eine grosse Notwendigkeit darstellt.

Als ich meinen Forschungsaufenthalt antrat, war mir noch nicht ganz klar, wie ich meine begrenzte Zeit am besten einteile, aber nach einigen Wochen verschaffte ich mir einen groben Überblick über die vorhandenen Quellen. Zudem erhielt ich die Möglichkeit, diverse Forscher, Handwerker und Künstlern kennenzulernen, welche sich mit den japanischen Lackwaren beschäftigen, sodass ich meine Forschungstätigkeiten wie folgt eingeteilt habe:

1. Um ein möglichst breites Wissen und Verständnis zum Material und Handwerk anzueignen, das in meinem Forschungsprojekt behandelt wird, führte ich Recherchen zu grundlegenden Aspekten des japanischen Lacks und der japanischen Lackwaren durch. Dabei begann ich zuerst mit einer Informationssuche anhand schriftlichen Quellen und ergänzte fehlende Informationen, sowie schwer verständliche Stellen durch Gespräche mit diversen Fachleuten, sowie den Besuch von Handwerkern und Künstlern:

  • Untersuchungen zu den unterschiedlichen Arten von Lackbäumen anhand einer Vielzahl von botanischen Nachschlagewerken und den Besuch botanischer Gärten, sowie mit der Unterstützung von Prof. Mitsuo Suzuki (Tôhoku Universität).
  • Untersuchungen zu den chemischen Prozessen und Eigenschaften der Lackbaumsäfte anhand von chemischen Nachschlagewerken und mit der Unterstützung von Prof. Tetsuo Miyakoshi (Meiji Universität).
  • Untersuchungen zu den Methoden und Arbeitsschritten zur Gewinnung und Verfeinerung der Lackbaumsäfte anhand von Fachliteratur und der Unterstützung diverser Handwerker aus Jôbôji (Stadt Ninohe, Präfektur Iwate), sowie dem Lackkünstler Yukio Honma (Atelier Ogibô, Tôkyô).
  • Untersuchungen zur Herstellung und zu den verschiedenen Ziermethoden der Lackwaren anhand von Fachliteratur, sowie mit der Unterstützung der Lackkünstler Takashi Wakamiya (Atelier Hikojû Maki-e, Wajima) und Kazutaka Furukomi (Atelier Jikichi, Wajima).
    • Seit 2009: Promotionsstudium im Fach Kunstgeschichte Ostasiens an der Universität Zürich.
    • (Thema des Dissertationsprojekts: „Die Entstehung und Entwicklung der Ortschaft Wajima als Lackwarenindustrie“)

  • Lackbaum

    Lackbaum


    Spuren eines angezapften Lackbaums

    Spuren eines angezapften Lackbaums

    2. Um ferner einen Einblick in den gegenwärtigen Forschungsstand des japanischen Lacks und der japanischen Lackwaren zu erhalten, sowie mit der Absicht, ein Netzwerk zu denjenigen Leuten aufzubauen, welche in jenem Forschungsumfeld tätig sind, beteiligte ich mich an diversen wissenschaftlichen Tagungen wie der „34. Tagung der wissenschaftlichen Gemeinschaft für Lackhandwerksgeschichte“ in Nagoya, der „3. Tagung der Forschungsgemeinschaft „Menschen und Pflanzen der Jômon-Zeit““ in Sakura (Präfektur Chiba), sowie dem „2. Lack-Gipfeltreffen“ in Tôkyô.

    lackgipfel

    2. Lackgipfeltreffen in Tôkyô (Januar 2011)

    3. Damit ich bei meiner eigentlichen Forschung, der Untersuchung zur Entwicklung der Lackwarenindustrie von Wajima, auch die Möglichkeit und Fähigkeit erlange, Edo-zeitliche Quellen zu konsultieren, führte mein Betreuer Prof. Hiroshi Kurushima (National Museum of Japanese History) drei bis vier Mal im Monat einen Privatunterricht zur korrekten Lesung und zum Verständnis Edo-zeitlicher Schriften durch. Da Prof. Kurushima ferner der Meinung war, dass der Unterricht von Anbeginn einen gewissen Ertrag erbringen soll, brachte er mir kurz einige Grundlagen bei und begann Edo-zeitliche Tagebücher und Handelsberichte der Lackwarenindustrie von Wajima als Unterrichtslektüre zu verwenden.

    In einem zweiten Schritt ist es dann die Idee, dass ich meine Forschungen in Wajima, sowie in Kanazawa fortsetze, um einerseits weitere Quellen zu konsultieren und andererseits auch die gegenwärtige Form der Lackwarenindustrie von Wajima kennenzulernen. Da ich aber bereits ein Mal daran scheiterte, jene Forschungen auf eigene Faust vorzunehmen und einen Zugang zu den Quellen erzwingen zu wollen, habe ich mich nun mit einigen Mitgliedern der Wajima shikki seinenkai (Jugendorganisation der Wajima Lackwaren), sowie mit Dr. Yukiharu Yasujima (Kanazawa Universität) angefreundet, welche sich bereit erklärten, mich bei meinen Vorhaben zu unterstützen.

    edo-tagebuch

    Ausschnitt aus einem Edo-zeitlichen Tagebuch der Lackwarengewerkschaft von Wajima

    4. Da ein Grossteil meiner Forschungsarbeiten eher auf der theoretischen Ebene abläuft und mein Aufenthalt in Japan zudem auf ein Jahr beschränkt ist, entschied ich mich ferner auch ein Auge auf die „praktischen“ Aspekte zu werfen. Besonders an den Wochenenden und Feiertagen, nutzte ich die Gelegenheit, Ausflüge zu diversen Ortschaften wie Kamakura (Präfektur Kanagawa), Kuroe (Präfektur Wakayama), Kyôto und Nara vorzunehmen, in denen auch gegenwärtig noch Lackwaren produziert werden. Zahlreiche Lackwarengeschäfte und Handwerker waren dabei äusserst freundlich und gewährten mir auch einen Blick in ihre Arbeitszimmer, sodass ich beispielsweise in Arima (Präfektur Hyôgo) sogar die Möglichketi erhielt, einen Betrieb für die Herstellung von lackierten Bambusflechtkörben zu besichtigen und einen Einblick in die einzelnen Herstellungsprozesse zu erhalten.

    lack-werkstatt

    Betrieb eines Bambusflechtkorbproduzenten von Arima

    Neben den Ausflügen unternahm ich auch diverse Experimente, um das Material kennenzulernen, das einen Hauptbestandteil meiner Forschungsarbeiten darstellt, und auch dessen Eigenschaften mit eigenen Augen zu sehen. Dafür habe ich in einer Lackhandlung diverse Arten von natürlichem Lack erworben und führte zunächst diverse Anstrichproben durch, damit ich begreife, in welcher Hinsicht sich der Lack von anderen Beschichtungsmitteln oder Malfarben unterscheidet. Da ich zudem davon erfuhr, dass der natürliche Lack die Fähigkeit besitzt, eine akute allergische Kontaktdermatitis verursachen zu können, setzte ich auch meinen eigenen Körper ein, damit ich die Gefahren jenes Materials, sowie dessen Ausmass am eigenen Leib erfahre.

    lack-hand

    Durch den Lack hervorgerufene akute allergische Kontaktdermatitis

    Kontakt
    hutterryu@yahoo.de

    Vita
    2003 – 2009: Lizentiatsstudium der Japanologie, Kunstgeschichte Ostasiens & Religionswissenschaft an der Universität Zürich. (Thema der Lizentiatsarbeit: „Waffen, Schätze, Objekte von kulturellem Wert – Untersuchungen zur Verwendungsvielfalt der japanischen Schwerter“)

    Gegenwärtige Tätigkeit
    Forschungsaufenthalt am National Museum of Japanese History