Marino Lusy – Sammler, Künstler und Japanliebhaber
In Zürich befindet sich eine der grössten und bedeutendsten Surimono-Sammlungen Europas. Die Stadt verdankt diese Kollektion exquisiter japanischer Farbholzschnitte Marino Lusy (1880–1954), welcher sie dem Museum für Gestaltung Zürich vermachte. Seit 2005 befindet sich die Sammlung als Dauerleihgabe im Museum Rietberg Zürich.
Biographisches
Geboren wurde Marino Lusy am 28. Dezember 1880 in Triest, seine Familie stammte ursprünglich aus Kephalonien in Griechenland. Er studierte Architektur, arbeitete jedoch nicht als Architekt, stattdessen ging er seinen künstlerischen Neigungen nach und produzierte vor allem Radierungen. Obwohl er einige seiner Werke in Ausstellungen im Pariser Salon, im Art Institute Chicago und im Kunsthaus Bonn präsentierte, wurde er als Künstler nie einem breiteren Publikum bekannt.
Lusy lebte in Triest, Paris und Montreux und unternahm längere Reisen in den Nahen und Fernen Osten – auch Japan besuchte er mehrere Male – sowie nach Afrika. Er war begeisterter Alpinist; ein Berggipfel in den Dolomiten wurde nach ihm benannt.
Der Künstler beschäftigte sich auch mit Psychologie und Okkultismus, wovon von ihm kreierte Exlibris mit okkultistischen Darstellungen zeugen.
Über sein Privatleben ist so gut wie nichts bekannt. Als gesichert gilt, dass er sich 1921 in den Kanton Wallis einkaufte und dadurch die Schweizer Staatsbürgerschaft erlangte. Am 1. Februar 1954 starb Marino Lusy in Châtelard, Montreux.
Künstlerisches Schaffen

Lusy war ein Japanliebhaber. Dies äusserte sich auch in seinem künstlerischen Schaffen, in dem sich indirekte sowie direkte Einflüsse aus der japanischen Kunst vermischten. So beeinflussten ihn beispielsweise Avantgardisten wie Frank Brangwyn (1867–1956), dessen Werk in die Japanbegeisterung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingeordnet werden kann und mit dem ihn ein Kunstkritiker auch verglichen hatte. Bei einigen Arbeiten scheint sich Lusy direkt an japanischen Vorbildern wie etwa dem in Europa bekannten Katsushika Hokusai (um 1760–1849) orientiert zu haben. (Siehe Abb. 2)
Japanstudien
Marino Lusy interessierte sich nicht nur aus der Perspektive eines Künstlers für Japan, er versuchte auch, sich über meist autodidaktische Studien der Kunst, Sprache und Kultur dem Landes anzunähern. Doch er pflegte auch Kontakt zu einigen Japanforschern, die ihm beispielsweise beim Entziffern von Signaturen auf Kunstwerken halfen. Der wohl Bekannteste unter ihnen war Otto Kümmel (1874–1953), welcher die in Frankreich von Louis Gonse (1846–1921) begonnene Tradition von kunsthistorischen Japanstudien in Deutschland fortsetzte und Professor für ostasiatische Kunstgeschichte sowie Museumsdirektor des Museums für ostasiatische Kunst in Berlin war.
Surimono-Leidenschaft
Wenn sich auch in Lusys Kollektion einige grossformatige Farbholzschnitte, Farbholzschnittbücher und Hängerollen sowie europäische Grafik befinden, steht doch ausser Zweifel, dass die luxuriösen, kleinformatigen Surimono den Kern der Sammlung ausmachen. Er erwarb die meisten Surimono auf Pariser Auktionen und über dortige Händler, hauptsächlich in den 1920er und 30er Jahren. In Japan selber kaufte Lusy hingegen keine Blätter.

Mario Lusy studierte jeden einzelnen der erstandenen Drucke und trug seine Notizen in einem Buch zusammen. Neben Zustandsbeschreibungen der Blätter enthält dieser Band auch seine Versuche, Gedichte zu entziffern. Er beschäftigte sich offenbar damit, die Bildinhalte zu entschlüsseln und den Zusammenhang zwischen den Gedichten und den dargestellten Szenen zu erkennen und versuchte sich einige Male sogar in der Übersetzung der auf den Surimono enthaltenen japanischen Gedichte. Damit gehörte er wohl zu den ersten Europäern, die sich um die Dechiffrierung der Verbindung von Bild und Text in Surimono bemühten.
Bildlegenden
Abb. 1: Lusy, Marino. Ex Libris für F. Ward, 1. Hälfte 20. Jahrhundert, Bibliothèque Royale de Belgique, Bruxelles, Collection imprimés, Serie V, 24547. 17.8 x 12.7 cm.
Abb. 2: Lusy, Marino. Skizze mit zwei Skeletten. Nach einem Hokusai Druck in einem Katalog: Collection Ch. Gillot. Deuxiéme Partie. Paris 1904, p.129. 1. Hälfte 20. Jahrhundert, Skizze: 20.9 x 7.2 cm. Katalog: 32.7 x 25.7cm. Grafiksammlung, Museum für Gestaltung Zürich, ohne Nummer.
Nadin Heé hat an der Universität Zürich und der Doshisha Universität Japanologie, Geschichte und Kunstgeschichte Ostasiens studiert. Sie ist momentan wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin und arbeitet an einer Dissertation mit dem Arbeitstitel „ Zivilisierung, Wissenschaft und Gewalt in Taiwan unter japanischer Kolonialherrschaft, 1895-1945“.
Text Nadin Heé



